Manual der gynäkologischen Onkologie

I. Mammakarzinom

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1.1. Epidemiologie (Autor: Christian Singer)

    1.1. Epidemiologie

    Brustkrebs-Inzidenz (Neuerkrankungen pro Jahr) in Österreich ab 1983
    Tab.1: Brustkrebs-Inzidenz (Neuerkrankungen pro Jahr) in Österreich ab 1983

    Das Mammakarzinom ist die mit Abstand häufigste gynäkologische Malignomerkrankung der Frau. Pro Jahr kommt es weltweit zu mehr als 1,2 Millionen Neuerkrankungen (Quelle: International Association on Research of
    Cancer) erkranken und etwa 410.000 Frauen sterben im gleiche Zeitraum daran. In Österreich sind im 2005 mehr als 4.800 Frauen neu an Brustkrebs erkrankt. Die Anzahl der Sterbefälle an Brustkrebs betrug knapp 1.600 im selben Jahr (Statistik Austria, 2008). Brustkrebs ist somit auch in Österreich die häufigste Krebserkrankung und die häufigste Krebstodesursache bei Frauen. Das mittlere Lebenszeitrisiko einer Frau (d. h. die  Wahrscheinlichkeit, bis zum 75. Lebensjahr daran zu erkranken) liegt bei etwa 12 %, was bedeutet, dass im Laufe ihres Lebens etwa jede 8. Frau an Brustkrebs erkranken wird. Die Relevanz des Mammakarzinoms als volkswirtschaftlicher Faktor wird zusätzlich durch die Altersverteilung der Neuerkrankten deutlich: Mit einem mittleren Erkrankungsalter von 62 Jahren liegt dieses um mehr als 7 Jahre unter dem für Krebs insgesamt. Etwa 40 % der Brustkrebsfälle treten vor dem 60. Lebensjahr auf (Giersiepen et al., 2005).

    Zur besseren Evaluierung von Inzidenz (Neuerkrankungen) und Mortalität (Sterblichkeit) ist es notwendig, den Unterschied zwischen rohen Erkrankungs- bzw. Sterbezahlen bzw. -raten und altersstandardisierten Raten zu verstehen. Sowohl die rohen als auch die altersstandardisierten Raten sind wichtig bei der epidemiologischen Betrachtung von Erkrankungen. Während altersstandardisierte Raten hingegen einen tatsächlichen Vergleich von Regionen oder Zeiträumen erlauben, so haben sie kaum Aussagekraft, was die tatsächliche Krankheitslast angeht. Diese Information kann man nur aus Rohdaten erhalten.

    Rohe Erkrankungs- oder Sterberaten: Dabei werden die aufgetretenen Erkrankungsfälle direkt in Bezug zur Bevölkerung gesetzt. In Österreich erkrankten beispielsweise 4800 Frauen im Jahr 2005 an Brustkrebs. Bezogen auf die weibliche Bevölkerung von Österreich (4,2 Mio.) ergibt dies eine rohe Erkrankungsrate von etwa 120 Fällen pro 100.000 Frauen. Da die Brustkrebsinzidenz vom Lebensalter abhängt, ist die Höhe der rohen Erkrankungsrate stark von der Altersverteilung der zugrunde liegenden Population abhängig. Eine Bevölkerung mit einem höheren Anteil an älteren Frauen hat demgemäß eine höhere Erkrankungsrate als eine Bevölkerung, die aus vermehrt jüngeren Frauen besteht. Werden nun Bevölkerungen mit verschiedenen Altersstrukturen (z. B. innerhalb Europas oder zu unterschiedliche Zeiträumen) miteinander verglichen, muss dieser Umstand berücksichtigt werden. Erkranken beispielsweise in der Gruppe der 35- bis 39-Jährigen nur etwa 50/100.000 Frauen, sind es in der Altersklasse der 60- bis 64-Jährigen mit knapp 300/100.000 fast6-mal so viele. Ab dem 65. Lebensjahr bleibt die altersspezifische Inzidenz bis ins hohe Alter relativ konstant,wo sie wieder etwas abfällt.Der Anteil des prämenopausalen Mammakarzinoms liegt bei ca. 25 %, mit steigender Tendenz. Die Ursache dafür dürfte maßgeblich am zunehmenden Alter von Schwangeren in Österreich und zu einem geringeren Anteil auch an Lebensstilfaktoren wie Hormoneinnahme, Ernährung, Gewicht und Alkoholeinnahme liegen.

    Altersstandardisierte Erkrankungs- oder Sterberaten:
    Bei der Methode der direkten Altersstandardisierung werden die Erkrankungsraten der einzelnen Altersklassen auf eine künstliche Standardbevölkerung (mit einer festen Altersstruktur) übertragen, d. h. man gibt vor, dass die altersspezifischen Raten beispielsweise der österreichischen Bevölkerung im Jahre 2008 jenen der einzelnen Altersklassen einer fiktiven „Standardbevölkerung“ entsprechen. Dabei kann die sich der Begriff „Standardbevölkerung“ an unterschiedlichen Standards orientieren (z.B. Europastandard [ESR] oder Weltstandard [WSR]), solange beim Vergleich stets derselbe Standard verwendet wird.
    Die kumulative Inzidenzrate (Erkrankungsrisiko bis zum 75. Lebensjahr berechnet) in Österreich im Jahr 2005 wird auf 7,4 % geschätzt. Die altersstandardisierte Rate nach dem Weltstandard (WSR) liegt hingegen bei 72/100.000 Frauen, Das Brustkrebssterberisiko bis zum 75.Lebensjahr liegt für eine österreichische Frau derzeit bei 1,8 % und die altersstandardisierte Sterberate an Brustkrebs wird auf 18,7 % geschätzt (WSR).

    Tumorstadienverteilung: Für die Beurteilung der Prognose eines bösartigen Tumors ist die Ausdehnung des Primärtumors bei Diagnosestellung entscheidend, sie wird in allen Krebsregistern an Hand der TNM-Klassifikation der UICC erfasst. Eine aktuelle Auswertung von österreichischen Daten zeigt im ahresdurchschnitt 2003/2005, dass bei der Erstdiagnose etwa 9 % aller Tumoren Carcinoma-in-situ-Fälle waren, während die Mehrzahl (43 %) lokalisierte Formen eines invasiven Mammakarzinoms darstellten. Eine regionäre Ausbreitung zeigten hingegen 27 % der Fälle. Bereits zum Zeitpunkt der Erstdiagnose disseminiert waren 12 % aller von der Statistik Austria erfassten Fälle. Für die verbliebenen Patientinnen waren keine Informationen zum Ausmaß der Erkrankung vorliegend.


    Brustkrebsprognose:
    Die relative 5-Jahres-Überlebenszeit liegt in Europa derzeit im Durchschnitt bei etwa 79 % (EUROCARE-4-Report). Dies stellt eine gewisse Verbesserung gegenüber den Ergebnissen der EUROCARE-3-Studie dar, bei der das entsprechende Überleben nur bei etwa 75 % lag. Gründe für die etwas besseren Überlebensraten dürften in verbesserter Früherkennung und Therapie liegen. Insbesondere für die Tumorstadien T1 und T2 haben sich die Überlebenschancen in den letzten Jahren deutlich verbessert. Allerdings findet sich für die Stadien T3 und 4 seit 30 Jahren immer noch keine nachweisbare Prognoseverbesserung. Die höchste 5-Jahres-Überlebensrate haben in Europa Frauen aus Island mit 87,6 %, dann folgt Schweden mit 84,3 %. Österreich nimmt mit 78,5 % einen guten Platz, ist aber nicht direkt an der Spitze. In Slowenien sind die Chancen der Betroffenen mit 71,9 % am schlechtesten.

    Literatur:
    1. EUROCARE-4 Report (2007)
    2. Statistik Austria (2008), www.statistik.at/web_de/statistiken/gesundheit/krebserkrankungen/brust/index.html