Psychoonkologie ist eine multidisziplinäre Fachrichtung, die in Forschung und Behandlung die Psyche und die sozialen Belange von KrebspatientInnen und deren Bezugspersonen zum Gegenstand hat. Medizin, Psychologie, Psychotherapie, Pflege und Sozialarbeit leisten Beiträge in gegenseitiger wertschätzender und anerkennender Art.
Psychoonkologie arbeitet mit Methoden der klinischen Psychologie und Psychotherapie (verschiedener Schulen), der Gesundheitspsychologie, der Psychiatrie und der Kommunikationswissenschaft. Diese werden spezifisch abgestimmt auf die unterschiedlichen und wechselnden Bedürfnisse von Betroffenen. Dabei ist eine Anpassung der psychoonkologischen Behandlungskonzepte an die körperliche Befindlichkeit von PatientInnen, an die notwendigen medizinischen Behandlungen und spezifischen klinischen Rahmenbedingungen erforderlich.1
Psychoonkologische Behandlungsmaßnahmen sollten in das Gesamtkonzept der onkologischen Therapie integriert werden.2
Aufgaben von Psychoonkologinnen im klinischen Alltag sind vor allem die Behandlung von psychischen Reaktionen auf die Krebserkrankung und die medizinische Behandlung von Bedeutung (vor allem Krisenreaktionen, akute Belastungsreaktionen, Anpassungsstörungen, Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen, funktionelle Sexualstörungen, familiäre Krisen). Aktuelle wissenschaftliche Studienergebnisse weisen auf einen Bedarf an fachlicher psychosozialer Betreuung bei 30 % onkologischer Patienten hin. Für Patientinnen, die eine psychische Belastungssymptomatik aufweisen, soll in jeder Diagnose- und Krankheitsphase eine adäquate psychoonkologische Unterstützung zur Verfügung stehen. Dies sind im klinischen Setting klinische PsychologInnen und ÄrztInnen mit psychoonkologischer Aus- oder Fortbildung. Die umfassende Einbindung von PsychoonkologInnen in das Behandlungsteam ist von zentraler Bedeutung für die koordinierte umfassende PatientInnenbetreuung.
Indikationen für psychoonkologische Interventionen sind vor allem anhaltende depressive Verstimmung, starke Angstsymptome, psychiatrische Komorbidität, Suizidgedanken, Probleme des Körperbildes und der Sexualität, Konflikte mit Angehörigen oder dem Behandlungsteam und palliative Betreuungssituationen3.
Psychoonkologische Interventionen haben keine Wirkung auf die Überlebenszeit.4 Nachdrückliche Abgrenzung erfolgt zu wissenschaftlich nicht gesichert begründbaren psychischen Ursachenzuschreibungen von Krebsentstehung und -prognose (z. B. „Krebs als psychosomatische Krankheit“, „Krebspersönlichkeit“) und Ansprüchen an Heilung onkologischer Erkrankungen durch psychologische Behandlung und/oder Psychotherapie. In zahlreichen Studien konnten jedoch Verbesserungen hinsichtlich der Lebensqualität, der Stimmung und der Reduktion von Ängsten nachgewiesen werden. Die Interventionen können zur Reduktion der psychischen und psychosozialen Belastungen, zur Steigerung des Wohlbefindens und zur Förderung der Selbstkompetenzen
von Krebspatienten beitragen.
Interventionsziele sind daher vor allem Entlastung und Stabilisierung in Krisen, Förderung der Krankheitsbewältigung, Reduktion von psychischen und somatisch reaktiven Symptomen, Verbesserung der Lebensqualität, Verbesserung von krankheitsbedingten Symptomen wie z. B. Schmerzen, Übelkeit und Schlafstörungen, Veränderung von maladaptiven Copingstrategien und Verhaltensweisen, Bearbeitung von Körperbildstörungen nach Operationen, Förderung der aktiven Mitwirkung an der Behandlung bzw. Rehabilitation, Aufrechterhaltung von sozialen Aktivitäten und Stärkung von Beziehungen, Schaffung von Transparenz über Versorgungsangebote, Vernetzung von intra- und extramuraler psychoonkologischer Behandlung (Überleitung zu Selbsthilfegruppen und Rehabilitationszentren), Betreuung von metastasierten Patientinnen und ihren Angehörigen über den gesamten Verlauf der Behandlung, Sterbe- und Trauerbegleitung.
Zielgruppen für psychoonkologische interventionen sind Krebspatientinnen, deren Partner, Kinder/Eltern von krebserkrankten Personen und andere nahestehende Personen, Personen mit einem genetischen Risiko für Krebserkrankungen sowie deren Angehörige.
Psychoonkologische Betreuung umfasst klinisch-psychologische Diagnostik, beziehungsbildende Kurzkontakte, Behandlung von krankheitswertigen Symptomen, sekundärpräventive Beratung und Vermittlung zwischen Patientin und Behandlungsteam und im Bedarfsfall auch zwischen Patientin und psychiatrischem Konsiliardienst.
Geeignete psychoonkologische Interventionsformen sind Einzelgespräche, Gruppentherapie, Familientherapie, Psychoedukation und Entspannungsverfahren.
Für den Arbeitsbereich der gynäkologischen Onkologie ist vor allem zu bedenken, dass Patientinnen an ihren (primären und sekundären) Geschlechtsorganen erkrankt sind. In jeder Phase der Behandlung ist neben den oben angeführten Punkten in besonderer Weise darauf Bedacht zu nehmen, dass die Sexualität der betroffenen Frau, der (mögliche) Verlust der Fertilität und damit die Veränderung von zentralen weiblichen Lebensentwürfen betroffen sind. Gynäkologisch-onkologische Erkrankungen werden nach wie vor tabuisiert und von vielen Patientinnen mit Gefühlen von Scham und Schuld verbunden. In der ärztlichen Kommunikation ist daher in besonderer Weise darauf Rücksicht zu nehmen; Gespräche, die intime Themen betreffen, sind eine große Herausforderung und benötigen besondere Sensibilität und gezielte Schulung. Gynäkologische OnkologInnen sollten daher in ärztlicher Gesprächsführung mit Schwerpunkt Psychoonkologie fortgebildet werden; besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Bereichen Shared Decision Making, Überbringen schlechter Nachrichten, Prognosegespräche, Beratungsgespräche in palliativen Situationen, Umgang mit End-of-Life-Themen, sexuellen Funktionsstörungen, Verhütungs- und Schwangerschaftsplanung nach gynäkologisch-onkologischen Erkrankungen.

